Redebeiträge des SSR Chemnitz am 05.03.2014

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Rede auf der Demonstration „Programmstörung“ vom StuRa und dem SSR Chemnitz

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Rede zur Kranzniederlegung 5.3.2014

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, wir sind hier als Schüler von Chemnitz,
der heutige Tag hat für alle Chemnitzerinnen und Chemnitzer eine bestimmte Bedeutung, denn heute vor 69 Jahren, am 5. März 1945 wurde die Stadt durch alliierte Bombardierungen schwer
zerstört. Diese Bombardements kann man jedoch nicht aus einem geschichtlichen Kontext reißen:

Blickt man zurück in das Jahr 1932 so sieht man, dass die NSDAP in Chemnitz bei Wahlen bereits 1 Jahr vor der Machtübernahme in ganz Deutschland über 50 % der Stimmen der Wählerinnen und Wähler hatte. Als eine nationalsozialistische Hochburg verlieh die Stadt, als eine der ersten
deutschen Städte, Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft. Dieser erklärte nach der Machtübernahme,
neben Essen, das „deutsche Manchester“ zur industriellen Hauptstadt des Reiches.

12 Jahre später sollte dann der Krieg, welcher auch von Chemnitz unterstütz wurde, das Stadtbild prägen. Eine verbreitete Angriffstaktik der deutschen Armee wurde im Laufe des Krieges auch von dien Alliierten übernommen. Die Bombardierung von Großstädten. Diese Angriffe starteten beispielsweise 1939 in Warschau oder 1940 in Rotterdam. Und die Methoden wurden immer weiterentwickelt, so kam Deutschland auf die Idee Brandbomben und Sprengbomben versetzt zu nutzen. Diese Strategie wurde einer der zentralen Bestandteile des Luftkrieges über England ab 1940. Und das alles wurde in Chemnitzer Tageszeitungen als positiv hervorgehoben. Man konnte Schlagzeilen wie „Ganz Birmingham ein Flammenmeer“ oder „Ödes Höhlenleben der Londoner“ lesen. Auch wurde dieser Luftkrieg in Schlagern wie „Bomben auf Engeland“ besungen. Daraus wird deutlich, dass die deutsche Zivilbevölkerung nicht unwissend war, vielmehr war ihnen bewusst, dass es bei den Bombardements, nicht wie von der deutschen Propaganda vorgegeben, um die Zerstörung von Fabriken ging, sondern, dass es Ziel war, die Bewohnerinnen und Bewohner der Großstädte zu demoralisieren.

Ab 1941 nutzten auch die Alliierten diese Taktik und bombardierten deutsche Städte, mit vernichtender Perfektion, schließlich traf es auch Chemnitz. Beginnend am 6. Februar über den 5. März bis zum 11. April 1945 wurden insgesamt 10 Luftangriffe gegen Chemnitz geflogen. Dabei waren 2881 Bomber beteiligt, welche insgesamt 7716 Tonnen Sprengstoff sowie Brandsätze über dem Stadtgebiet abwarfen. Die Innenstadt von Chemnitz wurde im Verlauf dieser Angriffe zu 80 % zerstört, während im ganzen Stadtgebiet 167 Fabriken, 84 von 400 öffentlichen Gebäuden und rund 27.000 Wohnungen unnutzbar wurden. Es kamen etwa 3600 Personen ums Leben, die meisten, mit circa 2100 Toten, in der Nacht vom 5. März. Zusätzlich zogen jedoch mehr als doppelt so viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer, rund 8300, als Angehörige der Wehrmacht und der Waffen-SS in den Krieg und starben für das menschenverachtende Regime.

Diese Zahlen sind tragisch, doch unvorstellbar ist die Zahl derer, die insgesamt im Zuge des Nationalsozialismus und des von Deutschland ausgehenden Krieges ums Leben kamen. So möchten wir auch an die 6 Millionen Menschen jüdischer Herkunft und die Opfer weltweit erinnern, die in der Zeit von 1933-1945 starben. Insgesamt kamen in diesen Jahren rund 65 Millionen Menschen ums Leben. Zahllose weiter verloren Angehörige, ihr Zuhause oder ihre Existenzgrundlage.

Der Stadtschülerschaftsrat Chemnitz möchte all diesen Leidtragenden gedenken. Doch für uns bedeutet würdiges Gedenken auch, Konsequenzen zu ziehen aus der Vergangenheit, die noch immer Schatten auf die Gegenwart wirft. Stilles Entsinnen reicht nicht aus. Wir sind es den Menschen schuldig, die damals ums Leben kamen, dafür zu sorgen, dass sich ihr Schicksal nicht wiederholt.
Wir sind in der Pflicht, menschenverachtenden Ideologien keinen Raum zu geben.

Und nach all dem was geschehen ist, nach all dem was wir mittlerweile wissen gibt es immer noch Menschen, welche diesen Tag für ihre geschichtsrevisionistische Propaganda nutzen wollen. Es gibt Menschen, die an diesem Tag ihre menschenverachtenden Meinungen preisgeben. Und noch viel schlimmer ist es, dass es Menschen gibt die zuhören, die ein offenes Ohr für Neonazis haben.

Doch in unserem Schulalltag erleben wir, dass erstaunlich wenige Schülerinnen und Schüler überhaupt Interesse am Thema und insbesondere dem heutigen Tag zeigen. Diskriminierung ist auch in Schulen kein Randphänomen. Schaut man genauer hin sieht man, dass unterschwellig abschätzige Kommentare ihren Weg in alltägliche Gespräche finden, Begriffe wie „schwul“,  „Spast“ oder „Mongo“ fallen unbedacht und mit negativer Konnotation. Wer das unpassend findet, wird belächelt oder gar mit eben diesen Attributen bestückt. Eine Reflexion findet leider auch in höheren Klassenstufen nur bei einigen Schülerinnen und Schülern statt.
Wir sehen die Notwendigkeit der Sensibilisierung von Schülerinnen und Schülern, aber auch die Weiterbildung von Lehrkräften ist von großer Wichtigkeit. Unsere Erfahrung zeigt, dass Lehrerinnen und Lehrer derartige Bemerkungen in ihrem Unterricht lieber überhören statt berichtigend einzugreifen und das Problem zu thematisieren. Schulen sind Spiegel unserer Gesellschaft und wie soll die heranwachsende Generation einen offenen und toleranten Umging untereinander lernen, wenn ihnen doch anderes vorgelebt wird. Verletzende Worte kommen aus vielen Mündern, abschätzige Blicke werfen viele Augen, Vorurteile krallen sich in vielen Köpfen fest. Alles Formen der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Religion oder Herkunft.
Solang die Älteren sich nicht mir ihren eingefahrenen Verhaltensmustern und Denkweisen auseinandersetzt wird diese Art der Reflexion auch bei den Jüngeren nicht eintreten.